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Eine barockes Schmuckstück/Stuckstück

Beitrag von Sonja Barthel, FSJlerin 2023/2024 in der Schwemme:

Viele Jahre hat sie gewartet – geschützt durch Schaumstoff, Holzbretter und Folie – die barocke Stuckdecke aus dem 1. OG im Südteil der Schwemme. Die Bergung des größten Fragments kenne ich nur aus Erzählungen, aber ich kann mir lebhaft vorstellen, was für ein Aufwand es gewesen sein muss. Schließlich hängen an dem größten Fragment noch Lehmstaken und Holzbalken, sodass das ganze Stück ein stolzes Gewicht auf die Waage bringen muss, nach derzeitigen Schätzungen eine gute halbe Tonne.

Aber vielleicht stelle ich mich erst einmal kurz vor: Ich bin Sonja und mache seit September 2023 ein FSJ in der Denkmalpflege in der Schwemme. Mich faszinieren alte Bauten, später möchte ich einmal Restauratorin werden. Was mein Interesse besonders auf die Schwemme gelenkt hat, war eben jene Stuckdecke, die ich mir nun zum Projekt gemacht habe.

Sonja Barthel (links) und Friederike Singer bei Vorbereitungen für Lehmarbeiten während des Lehmcamps 2023

Bestandsaufnahme und viele Fragen

Der Erhaltungszustand der Decke schien anfangs nicht sehr vielversprechend: Etwa ein Drittel (der nördliche Teil) ist als ein großes Fragment auf der alten Lehmdecke erhalten und lagert auf der Baustelle. Was vom Rest übrig geblieben ist, lagert in vielen einzelnen kleinen Bruchstücken auf dem Dachboden des Vereinshauses vom AKI (Arbeitskreis Innenstadt e.V.). Aus diesem Zustand ergeben sich gleich mehrere Schwierigkeiten und Fragestellungen: Ergeben die kleinen Fragmente ein greifbares Gesamtbild der Stuckdecke in ihrem Ursprungszustand?  Wie lässt sich die Lehmdecke mit den Holzbalken von dem Stuck trennen, ohne diesen dabei zu zerstören? Wie lässt sich das große Fragment mit seinem Gewicht überhaupt bewegen? Welche Farbigkeit hatte die Decke ursprünglich? Kann man beim Zusammenfügen der Teile von einer absoluten Symmetrie ausgehen?

Obwohl letztere Frage wahrscheinlich verneint werden kann (da die Stuckteile handgeformt und nicht gegossen sind), mögen diese ganzen Fragen im ersten Moment vielleicht etwas erschlagend wirken, besonders wenn man noch keinerlei Erfahrung auf diesem Gebiet besitzt. Aber ich stehe auch nicht allein vor diesem Projekt: Ich bekomme große Unterstützung von Dirk Knüpfer, einem Restaurator für Steinkonservierung, Wandmalerei und Architekturoberflächen. In Zusammenarbeit mit ihm und auch unserem Architekten Christian Hartwig arbeiten wir an der Erschließung und Beantwortung dieser Fragen.

Beispielsweise zeigte mir Dirk, wie man Farbschichten entfernt, sodass die ursprüngliche Farbigkeit zum Vorschein kommt. Viele Stunden saß ich also mit Skalpell und Glasfaserradierer vor der Decke, um eine sogenannte Farbstratigrafie zu erstellen. Das bedeutet, man entfernt stufenweise die alten Farbschichten bis auf den bloßen Stuck innerhalb klar sichtbarer Grenzen, sodass eine Abfolge erkennbar wird. Dabei sind schon einige interessante Ergebnisse hervorgetreten, die wieder neue Fragen stellen. Zunächst sind nur vier Farbschichten erkennbar, was für eine Spanne von 300 Jahren ganz schön wenig ist. Wenn man nun auf die älteste Farbschicht stößt, scheint diese auch stark beschädigt zu sein, sodass es naheliegend ist, dass in der Vergangenheit bereits Farbe abgekratzt worden ist. Ist die erste Farbschicht, auf die wir blicken, also wirklich die ursprüngliche?


Diese hat auch einen unerwarteten Farbton: Ein dunkelgrau/-blau, und zwar überall: Über den gesamten Profillauf, auf den flachen Ebenen, auf den Rosen, auf den Blättern. Das ist schwer vorstellbar. Ein verspieltes, barockes Motiv aus Blumenkörben und sich rankenden Blättern soll so dunkel gewesen sein? Da liegt die Vermutung nahe, die Farbe sei mit der Zeit durch eine chemische Reaktion erst nachgedunkelt und sah ursprünglich doch anders aus. Andererseits prägte auch lange die Vorstellung von blitzend weißem Marmor und kalkweißem Stuck unser Bild der Antike. Erst später stellte sich heraus, dass Stuckverzierungen, Reliefs, Statuen etc. im antiken Griechenland und Rom farbig waren. Ja, die Antike war quietschend bunt, also warum sollte eine barocke Stuckdecke nicht auch dunkel gewesen sein?

Ausblick: Sonja widmet sich weiter ihrem faszinierenden Jahresprojekt

Man könnte noch so viel mehr über dieses Thema schreiben, aber das hebe ich mir vielleicht noch für spätere Beiträge auf. Zweifelsohne ist es ein wahnsinnig spannendes Projekt, das sicherlich noch viele Erkenntnisse und Überraschungen bereithält. Ich freue mich riesig, dieses mit professioneller Unterstützung und doch viel Eigeninitiative angehen zu können und werde hier gerne an neuen Entwicklungen teilhaben lassen.

Stuckdecke vor dem Brand 2015; Foto: Henryk Löhr

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